Leseprobe


Lady Lotte – Was macht eigentlich eine königliche Maus?


Hallo, liebe Leser!


Ich bin es, die königliche Maus des Königreichs „Immerschön“. Mein Name ist Lady Lotte. Meine Familie ist seit 135 Generationen am Hofe der königlichen Familie Rauschebart im Dienst.

Was, ihr wisst nicht, was eine königliche Maus zu tun hat?

Also, ich erkläre es euch gerne.


Am Morgen, wenn der König beginnt, sich zu rekeln und zu strecken und die ersten Sonnenstrahlen seine Nase kitzeln, bin ich schon da. Ich summe ihm ein fröhliches Guten-Morgen-Lied, damit er den Tag mit einem Lächeln in seinem Gesicht beginnt. Richard Rauschebart ist ein großer stattlicher Herr und ungefähr ein halbes Menschenleben alt. Er trägt einen königlichen dunklen Bart mit grauen Spitzen, welcher sich sanft auf und ab bewegt, wenn er spricht. Ich persönlich finde, der Bart sieht aus wie eine riesengroße Welle, die ihm über seinen wohlgenährten Bauch schwappt. Wenn Unsere Hoheit dann gut gelaunt aus seinem strahlend weißen Himmelbett steigt, sich pfeifend in seinem Badezimmer frisch für den Tag macht und anschließend seine königlichen Kleider anlegt, verbeuge ich mich vor ihm und sage: „Königliche Majestät! Ihr seht wundervoll aus! Lasst uns heute auf der Terrasse frühstücken. Ich habe mir bereits erlaubt, alles zu veranlassen.“

Unser König liebt es, unter freiem blauem Himmel zu frühstücken und ich höre sein lachendes „Ja, gerne!“, und sein Rauschebart springt vor Vergnügen auf und nieder. Dann gehen wir hinaus in die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, ein großer Strauß mit gelb leuchtenden Sonnenblumen schmückt den hölzernen Tisch. Der Tee verströmt sein Aroma und die frischen Brötchen verbreiten einen appetitlichen Duft, der die kleinen Vögel, welche in unserem Schlossgarten wohnen, magisch anzieht. Während mein morgendlicher Hunger und ich bereits ein Stück meines Lieblingskäses und einen Krumen Brot dazu geknabbert haben, genießt Unsere königliche Hoheit noch sein Frühstück, die wunderbare Luft und die herrlichen Sonnenstrahlen. Ich bereite mich indes darauf vor, ihm den heutigen Tagesplan zu präsentieren.

„Königliche Majestät, wenn Ihr erlaubt...“, doch ein freundliches Augenzwinkern unterbricht mich. Dann sehe ich es auch. Die kleinen Vögelchen aus unserem Schlossgarten sitzen bereits mit dem König am Tisch. Er bricht kleine Krumen von den duftenden Brötchen und lässt sie sich aus der Hand picken. Die Vögelchen haben keine Angst. Erst, wenn sie sich alle satt gegessen haben,

fliegen sie, sich laut zwitschernd bedankend, davon.

Nun kann ich mich wieder meiner Aufgabe widmen. Ich beginne noch einmal: „Königliche Majestät, wenn Ihr erlaubt...“.

Ich schaue auf, bevor ich weiter spreche. Kein Augenzwinkern, keine Vögelchen. Ich kann also fortfahren.

„... gebe ich Euch den heutigen Tagesplan bekannt.“

Unser König lächelt und nickt freundlich. Ich sehe auf seinen Bart. Die haarige Welle bewegt sich sacht. Ich habe mein Pergament entrollt und lese mein gut durchdachtes Programm vor.


„1. Gartenarbeit,

dazu gehört heute:

Blumen, Sträucher und Bäume gießen sowie

Unkraut umpflanzen.“


Ja, ihr habt richtig gehört.

Wir ziehen unser Unkraut aus dem Schlossgarten nicht einfach gedankenlos heraus und werfen es weg. Nein, es wird vorsichtig ausgegraben und in unserem, eigens dafür angelegten, Garten wieder liebevoll eingepflanzt. Ich finde unseren Unkrautgarten ausgesprochen – wie soll ich sagen – gemütlich. Alles wächst und blüht wild durch einander. Kein Flecken Erde ist mehr zu sehen.

Überall rekeln sich kleine, große, dicke, dünne, lange und kurze Pflänzchen. Und manche duften so angenehm, dass man gar nicht glauben mag, dass andere Menschen sie als eine Plage verärgert wegwerfen. Viele der Pflänzchen in unserem Unkrautgarten blühen:

Da stehen die roten neben den gelben Blüten und wagen ein Tänzchen im lauen Wind, wobei sie ihren lieblichen Duft in alle Himmelsrichtungen verbreiten. Die wie das Meer riechenden blauen Blüten sehen aus, als ob sie in jedem Moment wegfliegen wollen, jedoch werden sie von ihren haarig aussehenden grünen Beinchen festgehalten und immer wieder zurückgezogen. Von manch anderen Blüten segeln kleine schneeweiße Fallschirmspringer hinab und dort, wo sie landen, wächst wieder ein neues Fallschirmspringer-Pflänzchen. Dicke runde dunkelgrüne Blätter versuchen sich an dünnen langen Halmen festzuhalten, denn sie möchten mit ihnen emporsteigen, der Sonne entgegen. Kleine zierliche Pflänzchen mit klitzekleinen hellgrünen Blättern und

mäuseaugenkleinen weißen Blüten schlängeln sich durch das Labyrinth und breiten sich wie ein Teppich aus. Sie bemühen sich, jedes Fleckchen Erde zu bedecken. Doch manchmal schießt auf ihrem Weg eines der gelandeten Fallschirmspringer-Pflänzchen empor und unser grünweißer Teppich muss einen Umweg nehmen.

Ein Spaziergang durch unseren Unkrautgarten ist eine echte Freude, denn jedem Besucher bietet sich das ganze Jahr über ein vergnügtes Farbenspiel und ein berauschendes Dufterlebnis. Im letzten Jahr hat unsere königliche Majestät beschlossen, eine kleine goldene Gartenbank in den bunten und duftenden Garten zu stellen. Oft sitzt er dort und schaut nur zu: den Pflanzen, die wir Unkraut nennen. Und er sieht zufrieden aus.


Aber nun kommt Punkt 2 unseres königlichen Programms. Ich muss weiterlesen.


„2. Reinigung des königlichen Teiches sowie

anschließende Fischgymnastik der majestätischen

Goldfische und Silberheringe mit Musik.“


Ja, da staunt ihr, was?

Unser Teich ist riesengroß. Ich benötige eine ganze Stunde, um einmal um ihn herumzulaufen. Ich glaube, unser König braucht dazu noch länger. Sicher auch deshalb, weil er mit jedem Fischlein, welches er trifft, über dies und jenes reden muss. So erfährt er auch, ob das Wasser noch sauber ist, ob Nachwuchs erwartet wird

oder ob sich einer der Jungfische wieder einmal daneben benommen hat. Zum Säubern unseres Teiches haben wir eine riesengroße rosafarbene Brausetablette. Die ist so groß, dass wir sie nur in einem königlichen Handwagen zum Teich bringen können. Wir rufen allen Fischen zu: „Macht euch bereit!“, und dann kullern wir unsere Riesenpille die Böschung hinunter. Sobald sie im Wasser angekommen ist, beginnt ein mächtiges Spektakel. Es zischt und sprudelt, das Wasser färbt sich erst sonnengelb, dann

wiesengrün, dann himmelblau und zum Abschluss schießt eine gewaltige rosa Wasserfontäne zum Himmel hinauf. Für unsere Fische ist dies ein Tag der Freude, denn sie tummeln sich im Farbenspiel, springen durch die sprudelnden Wasserbläschen und machen akrobatische Luftsprünge. Nach einer Stunde beruhigt sich das Wasser. Nun ist es sauber. Es glänzt, die Sonnenstrahlen spiegeln sich darin und bilden goldene Ringe an den Stellen, an denen gerade noch eben ein Fischlein sprang.

Jetzt kommen alle Goldfische und Silberheringe an die Wasseroberfläche. Sie klatschen mit ihren Flossen Beifall. Unser König tritt an das Ufer und spricht: „Es ist immer wieder eine Freude für mich. Lasst uns anfangen.“ Ich habe inzwischen unser altes Grammofon herausgeholt und stelle es an. Liebliche, aber dennoch schwungvolle Musik klingt an unsere Ohren.

Ach natürlich, ihr kennt kein Grammofon! Das wurde bereits vor vielen Jahren erfunden, da waren wir noch nicht geboren. Aber ganz gewiss werden euch eure Großeltern oder Eltern gern erklären, wie solch ein Grammofon arbeitet.

Die königlichen Fische beginnen sich nach den Handzeichen unseres Königs zu bewegen. Sie drehen sich links oder rechts herum, gerade so, wie es unser König zeigt. Sie springen durch die Luft oder machen für einen kurzen Augenblick sogar einen Kopfstand. Sie legen sich auf den Rücken und ihre kleinen Bäuchlein glänzen in der Sonne. Eine weitere Stunde dauert diese Fischgymnastik. Ihr könnt mir glauben, unsere Fische sind wirklich sehr sportlich und gesund.


„Punkt 3“, spreche ich nun weiter:

„Mittagsmahl und anschließende Mittagsruhe

in der königlichen Hängematte.“


Ihr mögt denken, ein König in der Hängematte, wo gibt es denn so was? Aber glaubt mir, in unserem Königreich ist so ziemlich alles möglich!


Schnell wie der Wind laufe ich jedoch zuvor zurück zum Schloss in die Palastküche und kümmere mich darum, dass das Lieblingsessen Unserer Hoheit rechtzeitig bereitsteht. Ich flitze zurück zum Teich, und ohne dass der König meine kurze Abwesenheit bemerkt hat, schlendere ich mit ihm zurück zum Schloss und singe mit ihm das Lied vom Königreich „Immerschön“.


Das geht so:


Am Morgen steht der König auf.

Dann nimmt der Tag auch seinen Lauf.

Wir singen, lachen und sind froh.

Ist das woanders ebenso?

Unser Königreich, das lieben wir.

Drum bleiben wir für immer hier.


Wir freuen uns an jeder Pflanze.

Wir treten nie auf eine Wanze.

Die Vögel zwitschern lieblich gar.

Und das ist wirklich alles wahr.

Unser Königreich, das lieben wir.

Drum bleiben wir für immer hier.


Bei uns sind alle Menschen gleich.

Es gibt kein ‚Arm‘ und auch kein ‚Reich‘.

Wir teilen alles, was wir haben.

Am Essen soll‘n sich alle laben.

Unser Königreich, das lieben wir.

Drum bleiben wir für immer hier.


Wir hörten von manch schlimmen Orten.

Da sprechen sie mit bösen Worten.

Dort tun sich Menschen selber weh!

Wir denken nur Oje, Oje.

Unser Königreich, das lieben wir.

Drum bleiben wir für immer hier.


Kommt zu uns und schaut euch um:

Hier rennt kein Bösewicht herum.

Bei uns herrscht Friede im ganzen Land.

Jeder nimmt jeden an die Hand.

Unser Königreich, das lieben wir.

Drum bleiben wir für immer hier.